Psychotherapeut als Beruf



Zitate von bekannten und berühmten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten 

(ausgesucht und kommentiert von Dr. Wolfram Dorrmann)


 

„ ‚Ich will‘ ist die bewusste, integrierte Antwort auf ,Ich möchte, muss, sollte und soll.‘ „

Ruth Cohn (1912 -2010)

Ein Satz der „Erfinderin“ der Themenzentrierten Interaktion (TZI). Ihre Idee der Umformulierung kann auch oft bei Verneinungen wie „Das geht nicht“, „Ich kann nicht…“ etc. hilfreich sein, indem man sie vom Patienten in „Ich will nicht … “ übersetzen lässt. 


 

„Die Vergangenheit ist tot und nur in zweierlei Hinsicht von Wert: Wir können aus einstigen Fehlern lernen, und wir können Erinnerungen an angenehme Erlebnisse in uns wachrufen, um uns daran zu erfreuen.“ 

Arnold A. Lazarus (1932 – 2013)

Für manche Patienten ist diese Aussage von dem Verhaltenstherapeuten Arnold Lazarus eine wichtige Botschaft, vor allem, wenn es um das Akzeptieren der Vergangenheit geht. Für traumatisierte Patienten ist die Aussage meist nicht so hilfreich, weil sie ihre Vergangenheit innerlich immer noch als sehr lebendig und damit als bedrohlich erleben. Wenn sie erkennen, dass es nicht darum geht, die Vergangenheit rückgängig zu machen, sondern die Erinnerungen an die Vergangenheit zu verändern, haben sie einen ersten wichtigen Schritt in ihrer Therapie geschafft. 


 

„Ich habe immer außerhalb von mir nach Stärke und Zuversicht gesucht aber sie kommt von innen. Sie ist immer dort.“

Anna Freud (1895 – 1982)

Ein großartige Erkenntnis! Wer Patienten diese Einsicht vermitteln kann, wird eine wichtige Grundlage für ihre Motivation bei der Umsetzung der geplanten Interventionen schaffen. Für die Vermittlung dieser Erkenntnis haben Psychotherapeuten  (mit und auch ohne wissenschaftliche Hilfe) hervorragende Methoden entwickelt bzw. entdeckt. Sich auf diese zu besinnen hilft häufig aus therapeutischen Sackgassen herauszuführen oder sogar die Fortschritte und den Verlauf zu beschleunigen. Das Zitat ist übrigens auch ein gutes Beispiel dafür, wie Kinder mit ihren Erkenntnissen über ihre (sogar berühmten)  Eltern hinauswachsen können.  


 

„Ein Ziel ohne einen Termin ist nur ein Traum.“

Milton H. Erickson (1901 – 1980).  

Die Hypnosetherapie hat (nicht nur) hier sehr große Ähnlichkeiten mit der Verhaltenstherapie, in der die Zielanalyse ja ebenfalls sehr groß geschrieben wird. Einige Probleme aber, die sich im Verlauf einer Therapie immer wieder einstellen können, lassen die Bedeutsamkeit dieser Aussage erkennen: Oft werden die gesetzten Ziele vergessen und es tut gut, wenn der/die Therapeut/in sich wieder an den Beginn der Therapie erinnern. Spätestens  beim Fortführungsantrag muss ich mir die anfänglich formulierten Ziele ja noch mal anschauen. Und spätestens hier wird auch der Zeitaspekt deutlich: Ich muss den Patienten anleiten, Zeiträume für die Erreichung der (Teil-)Ziele festzulegen. Dann haben diese auch eine höhere Chance vom Traum zur Realität zu werden. Realistisches Terminieren ist ein erster, wenn auch nicht der einzige wichtige Schritt gegen die neu erfundene Krankheit: Prokrastination.  


 

 

„Nach unseren Erfahrungen sind die häufigsten selbstorientierten Motive von Therapeuten in die Kategorien ‚Voyeurismus‘, ‚Macht‘ und ‚Selbsttherapie‘ einzuordnen.“

Frederick H. Kanfer (1925 – 2002)

Fred Kanfer hat im deutschen Sprachraum sehr lange Zeit die Ausbildung in VT beeinflusst. Er war in den 70er und 80er Jahren für uns einer der wichtigsten Lehrtherapeuten, welche die VT aus den USA nach Deutschland brachten. Bei bei den oben genannten Motiven sprach er immer von „den drei Teufelchen“, die dem Therapeuten auf der Schulter sitzen würden und den Therapieprozess behindern.  Wenn diese Motive im Selbsterfahrungsprozess des Therapeuten reflektiert werden, dann können sie in ihrer positiven Form als „diagnostisches Interesse“, als „Beeinflussung zum Wohle des Patienten“ und als „besondere Kompetenz in einem Spezialgebiet auf Grund eigener Betroffenheit“ durchaus sehr hilfreich sein. Im letzteren Fall sollte der Therapeut allerdings sei eigenes psychisches Problem für sich gelöst haben. Ansonsten würde die Therapie zu einer Selbsthilfegruppe werden, die in dieser Form natürlich keine Kassenleistung sein dürfte.   


 

 

“Je mehr wir uns anderen gegenüber ins gute Licht rücken, um so mehr Seiten, die ebenfalls zu uns gehören, unterdrücken wir. Eine gute soziale Anpassung – eine gute Person – ist hilfreich, solange wir wissen, dass wir damit nur einen Teil unserer Persönlichkeit leben. Der andere Teil – Unakzeptables für uns und die Gesellschaft, ungelebte Begabungen und zerstörerische Tendenzen – findet sich im Schatten. Kennen wir ihn nicht, projizieren wir ihn auf andere und bekämpfen ihn dort. Daher ist es für jeden und jede lebenswichtig, auch mit diesem Teil unserer Persönlichkeit umgehen zu können. Das macht uns weniger “gut”, dafür aber lebendiger, menschlicher und toleranter.”

Verena Kast (geb. 1943)

Die noch lebende schweizerische Psychoanalytikerin Verena Kast hat sich sehr intensiv mit Menschen in suizidalen Krisen auseinandergesetzt. Menschen, die ihre scheinbar inakzeptablen Seiten nicht erkennen oder nicht wahrhaben wollen, geraten in solche Krisen, wenn irgendwann das überhöhte positive Selbstbild zusammenbricht. Diesen Patienten deutlich zu machen, dass der Selbstwert kein Ergebnis von positiven und negativen Eigenschaften ist, sondern schon immer da ist, ist auch das Ziel der kognitiven Therapie. Insbesondere die Rational-emotive Therapie hat hier eine eindeutige Botschaft. Überkritische oder gar verurteilende Haltungen gegenüber anderen verringern sich, wenn Menschen sich einen offenen und am besten wohlwollenden Blick auf ihren eigenen „Schatten“ erlauben. Das ist auch die Grundlage für eine angestrebte Verhaltensänderung oder sogar für eine Perspektive zum Weiterleben.  


 

 

„Das Ziel [von Lernen] ist es nicht, Perfektion zu erlangen, sondern schrittweise weniger dumm zu werden. Wenn wir versuchen perfekt zu sein, wird jeder Fehler zu einer Katastrophe.“ 

Marshall B. Rosenberg (2007).

Natürlich gibt es immer auch Patienten, die mit ein bisschen mehr Sorgfalt ihre Lebensqualität durchaus verbessern könnten. Dennoch gelten für viele andere diese ursprünglich von Albert Ellis in der RET formulierten (11) irrationalen Annahmen wie z.B.:“ Die Meinung, dass man sich nur dann als wertvoll empfinden dürfe, wenn man in jeder Hinsicht kompetent, tüchtig und leistungsfähig sei.“ Oder: „Die Vorstellung, dass es für jedes menschliche Problem eine unbedingt richtige, perfekte Lösung gibt und dass es eine Katastrophe sei, wenn diese perfekte Lösung nicht gefunden würde.“ (Ellis 1977) 


 

„Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt, lebt auch nicht länger. Es kommt ihm nur so vor.“

Sigmund Freud (1856 – 1939). 

Ein Zitat, welches eine etwas kritischere Haltung gegenüber Zitaten von berühmten und sogar intelligenten Personen durchaus sinnvoll erscheinen lässt, denn hier irrte Freud (zumindest zum Teil) wirklich. Vielleicht kennen einige ja noch das Buch mit dem Titel: „Hier irrte Freud : zur Kritik der psychoanalytischen Theorie und Praxis.“ von Christof Eschenröder (1988, München: BeltzPVU). Ich vermute Herr Eschenröder hat in seinem Buch diesen Ausspruch Freuds gar nicht näher erwähnt… Ich selbst gehe mal davon aus, dass der ernsthafte Freud wohl manchmal auch Humor bis zur Selbstironie gehabt haben muss. So ist Freud ja als starker Raucher bekannt. Was viele nicht wissen (oder verdrängen?), er hat sich im Endstadium seiner Krebserkrankung von seinem Leibarzt wegen der unerträglichen Schmerzen eine tödliche Spritze geben lassen. Derzeit ist dies ja ein sehr aktuelles Thema…  


 

„Es geht nicht mehr nur darum, Schäden zu begrenzen – und von minus acht auf minus zwei der Befindlichkeitsskala zu kommen -, sondern wie wir uns von plus zwei auf plus fünf verbessern können.“ 

(Martin P. Seligman: Zeitschrift Psychologie heute, Juni 2000) 

Seligman hatte in seiner „Theorie der Gelernten Hilflosigkeit“ dysfunktionale Attribuierungsmuster für die Entstehung von Depressionen verantwortlich gemacht. Seine Erkenntnisse waren Grundlage für viele weitere Forschungen zur kognitiven Therapie von Depressionen. So habe ich mich in meiner eigenen Dissertation mit Seligmans „Theorie der Gelernten Hilflosigkeit“ intensiv auseinandergesetzt und mit einer Längsschnittstudie zusätzlich die wichtige Rolle des „Bedürfnisses nach Kontrolle“ für die Entstehung von Depressionen nachweisen können. Leider ist Martin Seligman inzwischen wohl vor allem mit der Therapie von Patienten beschäftigt, die sich auf höherem Niveau unglücklich fühlen. Mit seiner neuen „Positive Psychologie“ richtet er sich an Menschen, die eigentlich ganz zufrieden sein könnten, aber gerne ein bisschen häufiger glücklicher wären. Ob in den USA die Krankenkassen solchen Behandlungen auch übernehmen, ist fraglich. Ich würde dies ja mehr als eine Art psychotherapeutische Kosmetik betrachten. Möglicherweise schlägt sich dieser Trend in den USA ja auch in der Aufweichung der Kriterien für psychische Störungen im DSM nieder, die nach der kürzlich vorgenommenen 5. Revision des DSM sehr kritisch diskutiert wurde. Hiermit kann nun jede Verhaltensauffälligkeit als „milde“ Störung zu diagnostiziert werden… Die Wissenschaft erfindet also nicht so sehr neue Diagnosen sondern erklärt inzwischen kleine Abweichungen vom Mittelmaß schon als behandlungsbedürftig. Ob wir dann wohl bald mit einem Masterstudium und irgendwann mit Privatpraxen für „kosmetische Psychotherapie“ rechnen müssen? 


 

„Die größte Gefahr im Leben ist, dass man zu vorsichtig wird.“ 

Alfred Adler (1870 – 1937)

Adler war ein Schüler Sigmund Freuds  und er beeinflusste mit seiner „Individualpsychologie“ viele andere Psychologen und Psychotherapeuten des 20. Jahrhunderts: den Theoretiker Abraham Maslow, die Psychoanalytiker Harry Stack Sullivan und Erich Fromm aber auch kognitiv orientierte Verhaltenstherapeuten wie Albert Ellis. – Das obige Zitat ist gut geeignet für Patienten, die keinerlei Risiken eingehen wollen. Meist treffen sie gar keine Entscheidungen mehr und stagnieren in ihrer Entwicklung, weil sie überall nur Gefahren vermuten. Adlers Zitat besteht eigentlich aus einem Reframing des für diese Patienten zentralen Motivationsfaktors, der „Gefahr“. Gefahren werden implizit durchaus akzeptiert, aber als „größte Gefahr“ wird das Vermeidungsverhalten selbst angesehen. Eine Gefahr in der Vorsicht selbst zu sehen, kann diesen Patienten zu neuen Einsichten und vielleicht auch zu mehr Mut verhelfen, die zielführenden nächsten Schritte anzugehen. Manchmal können Patienten Zitate von berühmten Menschen eher annehmen als die ebenso klugen Worte von ihren eigenen gut ausgebildeten Psychotherapeuten. 


 

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